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Heilig, heiliger, am vorbildlichsten

Ich bin gerade am Meer.

Mein absoluter Sehnsuchtsort.

Nirgendwo sonst kann ich so gut loslassen wie hier. Denn nirgendwo sonst kann ich mich selbst und mein Leben so gut einordnen.

Wenn ich am Spülsaum stehe, auf die offene Weite des Wassers schaue und darüber den Himmel und die majestätischen Wolken sehe, begreife ich, wie klein ich bin.

Hier auf der Erde.

Im Universum sowieso.

Das mag auf den ersten Blick vielleicht beängstigend wirken. Ich empfinde es aber als beruhigend. Denn mit mir werden auch meine Sorgen und Probleme kleiner. Sie verschwinden nicht. Aber sie ordnen sich ein in etwas, das viel größer ist als ich.

Zum zweiten Mal in Folge hat es mich in die Niederlande verschlagen. Nach Wijk aan Zee in Nordholland. Wir haben hier ein Chalet direkt am Strand. Viel näher am Meer geht es nicht!

Doch natürlich gibt es hier nicht nur Strand und Meer, sondern auch einen kleinen Ort. Bei einem Streifzug stolperten wir über eine kleine katholische Pfarrkirche, die dem heiligen Odulphus geweiht ist.

Odulphus?

Nie gehört.

Also wurde ich neugierig und begann zu recherchieren.

Vieles, was über ihn erzählt wird, ist historisch nicht eindeutig belegt. Das ist bei einem Menschen, der vor rund 1.200 Jahren lebte, allerdings kaum verwunderlich.

Odulphus wurde vermutlich gegen Ende des 8. Jahrhunderts im heutigen Nordbrabant geboren. Er wurde Priester und schloss sich später einer geistlichen Gemeinschaft in Utrecht an. Von dort wurde er nach Friesland geschickt, wo er als Missionar wirkte. Sein Name ist besonders mit der Stadt Stavoren verbunden. Nach seinem Tod – wahrscheinlich in der Mitte des 9. Jahrhunderts – entwickelte sich vor allem in den Niederlanden eine Verehrung, die bis heute Spuren hinterlassen hat.

Zum Beispiel in Wijk aan Zee.

So weit, so klassisch.

Doch wieso wird Odulphus eigentlich als Heiliger verehrt?

Über viele Heilige werden schließlich spektakuläre Geschichten erzählt. Kranke werden plötzlich gesund. Menschen überleben eigentlich tödliche Gefahren. Naturgesetze scheinen vorübergehend außer Kraft gesetzt. Und auch heute noch spielen anerkannte Wunder im Verfahren einer Heiligsprechung eine wichtige Rolle.

Bei Odulphus fand ich zunächst nichts davon.

Zwar gibt es spätere Überlieferungen, die ihm Vorhersagen zuschreiben. Auch von Wundern durch seine Fürsprache wird berichtet. Doch Odulphus wurde nicht heiliggesprochen, weil eine kirchliche Behörde diese Berichte geprüft und anschließend ein Zertifikat ausgestellt hätte.

Ein solches Verfahren gab es zu seiner Zeit noch gar nicht.

Die ersten Heiligen wurden nicht in Rom ernannt. Sie wurden vor Ort verehrt.

Am Anfang waren es vor allem Märtyrerinnen und Märtyrer: Menschen, die für ihren Glauben gestorben waren. Später kamen andere hinzu. Bischöfe, Einsiedler, Missionare und Menschen, deren Lebensführung als besonders glaubwürdig und vorbildlich galt.

Die Gemeinschaft erinnerte sich an sie.

Sie erzählte ihre Geschichten.

Sie besuchte ihre Gräber.

Sie feierte ihre Todestage.

Heiligkeit entstand gewissermaßen von unten. Aus der Überzeugung: Dieser Mensch hat etwas vorgelebt, das wir nicht vergessen sollten.

Natürlich gehörten auch damals Erzählungen über Wunder zur Verehrung vieler Heiliger. Menschen haben schon immer versucht, das Außergewöhnliche eines Lebens durch außergewöhnliche Geschichten auszudrücken. Aber es gab keine zentrale Behörde, keine einheitlichen Prüfkriterien und keine vorgeschriebene Zahl nachzuweisender Wunder.

Das änderte sich erst nach und nach.

Die erste dokumentierte Heiligsprechung durch einen Papst fand im Jahr 993 statt. In den folgenden Jahrhunderten zog Rom die Entscheidung darüber, wer offiziell als heilig gelten durfte, immer stärker an sich. Aus der gewachsenen Verehrung einer Gemeinschaft wurde ein geregeltes kirchliches Verfahren. Tugenden wurden untersucht, Zeugenaussagen gesammelt und Wunder geprüft.

Aus Erinnerung wurde ein Prozess.

Aus Verehrung wurde ein Verfahren.

Aus dem Vorbild wurde zunehmend ein übernatürlich bestätigter Heiliger.

Und genau da wird es interessant.

Denn was wäre, wenn wir wieder stärker auf den ursprünglichen Gedanken schauen würden?

Ein Heiliger wäre dann nicht in erster Linie ein Mensch, der nach seinem Tod auf unerklärliche Weise Krankheiten heilt. Es wäre ein Mensch, dessen Leben anderen Orientierung gibt. Jemand, der etwas von dem sichtbar macht, was Menschsein auszeichnen kann.

Mut.

Mitgefühl.

Hingabe.

Gerechtigkeit.

Gottvertrauen.

Nicht als moralisch vollkommener Mensch. Nicht als unerreichbare Gestalt auf einem Sockel. Sondern als Vorbild.

Mit einem solchen Verständnis könnten vermutlich auch viele religionskritische Menschen etwas anfangen. Man muss nicht an die Aufhebung von Naturgesetzen glauben, um anzuerkennen, dass ein Mensch durch sein Leben Spuren hinterlassen hat. Man muss nicht jede Legende für historisch wahr halten, um sich von einer Geschichte berühren zu lassen.

Vielleicht wäre Heiligkeit dann wieder eine Einladung:

Schau hin.

Dieser Mensch hat etwas gelebt, das auch für dein Leben von Bedeutung sein könnte.

Wir müssten dafür nichts neu erfinden. Wir müssten den Begriff „heilig“ noch nicht einmal modern umdeuten.

Manchmal reicht es, weit genug zurückzuschauen.

Zurück in eine Zeit, bevor über Jahrhunderte immer neue Regeln entstanden. Bevor eine gewachsene Verehrung in feste Verfahren gegossen wurde. Bevor aus der Erinnerung an einen besonderen Menschen eine kirchenrechtliche Prüfung wurde.

Vielleicht können wir dort etwas wiederentdecken:

Heilige sind nicht heilig, weil sie über den Menschen stehen.

Sie sind heilig, weil sie Menschen etwas vorleben.

Und vielleicht ist das größte Wunder am Ende gar nicht, dass durch einen Menschen die Naturgesetze außer Kraft gesetzt werden.

Vielleicht ist das größte Wunder, wenn ein Mensch durch sein Leben das Leben anderer verändert.

In diesem Sinne: Wer sind deine Heiligen?

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