Der Papst hat es zuletzt wieder getan. Er hat ganz klar gesagt: Das Predigen während der Eucharistiefeier ist den Geweihten – den Priestern und Diakonen – vorbehalten. Andere Theologen? Nein danke. Laien? Nein. Frauen? Gott bewahre. All diese Gruppen dürfen in der Heiligen Messe die Schrift nicht auslegen. Ok. Katholische Veranstaltung, katholische Regeln, kann man denken. Die eigenen Gedanken zur Bibel kann mir der Papst allerdings nicht verbieten.
Dasselbe gilt für Evangelikale, Bibelfundamentalisten und konservative Christfluencer, die sich auf YouTube und TikTok, auf Instagram oder Telegram Schlagabtäusche mit der liberal-protestantischen Theologie liefern, andere Meinungen kritisieren und dann mit einer vermeintlichen Vollmacht erklären, wie es denn wirklich zu verstehen sei.
Ich kann beide Seiten verstehen.
Ja, wirklich. Denn der Anspruch, die Hoheit über die Bibelauslegung zu haben, ist ein wichtiger Machtfaktor. Er ist ein Fundament, auf dem die katholische Kirche seit Jahrhunderten steht. Und natürlich will sie diese Deutung vor allem den Personen anvertrauen, die sie dafür ausgebildet hat, die das in ihrem Sinne tun und auf die sie Einfluss nehmen kann.
Und die evangelikal-fundamentalistischen Christfluencer? Bei denen ist es doch ganz genauso. Die müssen noch mehr um ihre Follower kämpfen als die katholische Kirche und brauchen den Konflikt, um sich abzugrenzen. Und einfache Regeln, um Menschen an sich zu binden. Am besten verbunden mit der Angst, was passieren könnte, wenn man diese Regeln nicht befolgt. Das ist nebenbei übrigens auch keine ganz neue Erfindung.
Doch was immer all diese Leute einschließlich des Papstes auch erzählen: Es sind zunächst einmal Auslegungen. Menschliche Auslegungen. Sie können klug sein, theologisch fundiert, historisch begründet und für mich hilfreich. Aber sie müssen nicht zu meinem persönlichen Bibelverständnis und meiner persönlichen Bibelauslegung werden.
Denn wie die biblischen Texte auf mich wirken, welche Verse mich berühren und durch welche Texte ich Aha-Erlebnisse habe – das kann mir niemand vorschreiben. Es ist daher ein Segen, dass die Bibel heute in so vielen Sprachen und Übersetzungen verfügbar ist. Denn so kann jeder das Wort Gottes selbst zu sich sprechen lassen.
Das lebendige Wort
„Wort des lebendigen Gottes“ – das ist einer der ritualisierten Aussprüche im katholischen Gottesdienst. Und wenn Gott lebendig ist, so muss auch sein Wort lebendig sein. Nur so kann er uns erreichen. Ich mag diesen Gedanken. Aber wenn das Wort Gottes lebendig sein soll, dann muss es auch leben dürfen.
„Gotteswort in Menschenwort“ ist eine weitere Beschreibung, die Menschen für die Bibel gefunden haben. Ich finde, die Beschreibung trifft es sehr genau. Da haben Menschen Erfahrungen mit Gott gemacht. Sie haben von Befreiung und Hoffnung erzählt, von Angst, Schuld und Scheitern. Sie haben darüber nachgedacht, wie Gott ist und was er von den Menschen will. Und sie haben diese Erfahrungen aufgeschrieben – mit ihrem Wissen, in ihrer Sprache und mit den Vorstellungen ihrer Zeit.
Jahrhunderte oder Jahrtausende später lese ich diese Texte. Und jetzt geschieht wieder etwas zwischen Gotteswort und Menschenwort. Denn auch ich lese nicht voraussetzungslos. Ich bringe meine Erfahrungen mit. Mein Wissen. Meine Zweifel. Meine Hoffnungen. Mein Bild von Gott und meine Fragen an ihn.
Deshalb kann derselbe Bibelvers zwei Menschen völlig unterschiedlich treffen. Deshalb kann ein Text, mit dem ich heute überhaupt nichts anfangen kann, zehn Jahre später plötzlich etwas in mir auslösen. Und deshalb kann eine Geschichte, die Menschen seit Jahrhunderten lesen, immer wieder etwas Neues erzählen.
Genau darin wird das Wort für mich lebendig.
Wenn ich dagegen einen biblischen Text nehme, eine bestimmte Auslegung für die einzig richtige erkläre und sie anschließend in Stein meißele, dann bewahre ich das Wort Gottes nicht. Ich beschränke es. Ich nehme ihm die Möglichkeit, in einem anderen Menschen, zu einer anderen Zeit und unter anderen Umständen noch einmal neu zu sprechen und lebendig zu sein.
Natürlich heißt das nicht, dass jeder aus der Bibel machen kann, was er will.
Auslegung ist persönlich. Aber sie ist nicht beliebig.
Ich kann einem Text nicht einfach irgendeine Bedeutung überstülpen, die mir gerade gefällt. Meine Gedanken müssen sich auf den Text stützen. Ich muss fragen, was dort geschrieben steht, in welchem Zusammenhang es steht und was die Menschen damit ausdrücken wollten, die es aufgeschrieben haben.
Es geht also nicht darum, etwas Beliebiges in einen Text hineinzuinterpretieren. Es geht darum herauszufinden, was sich aus ihm herauslesen lässt.
Und das kann eine ganze Menge sein.
Genau das ist die Weite, die die Bibel so wunderbar macht. Sie gibt nicht auf jede Frage eine einfache Antwort. Sie ist voller Geschichten, Bilder und Erfahrungen, voller Spannungen und manchmal sogar voller Widersprüche. Menschen haben über Jahrtausende an diesen Texten gerungen. Warum sollten ausgerechnet wir heute behaupten können, dieses Ringen sei beendet?
Deshalb werde ich skeptisch, wenn Menschen mit der Bibel in der Hand sehr einfache Antworten geben. Und noch skeptischer werde ich, wenn sie behaupten, ihre Antwort sei nicht ihre eigene Auslegung, sondern die einzig mögliche Wahrheit Gottes.
Dann wird aus dem lebendigen Wort schnell ein Instrument. Eines, mit dem sich Grenzen ziehen lassen. Mit dem sich festlegen lässt, wer richtig glaubt und wer falsch. Was erlaubt ist und was verboten. Wer dazugehört und wer draußen bleiben muss. Und besonders wirksam wird dieses Instrument, wenn noch die Angst hinzukommt: die Angst, gegen Gottes Willen zu handeln, nicht gerettet zu werden oder am Ende auf der falschen Seite zu stehen.
Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer.
Mein Rat ist deshalb ein anderer: Wer euch mit den Worten der Bibel Angst machen will und dabei behauptet, die absolute Wahrheit zu verkünden – dem folgt lieber nicht.
Lest selbst. Denkt selbst. Fragt nach. Widersprecht. Lasst euch von einem Text berühren und von einem anderen irritieren. Hört euch an, was Theologinnen und Theologen, Kirchen, Gläubige und Zweifler darin entdecken. Und dann prüft, was davon euch überzeugt, was euch berührt und was euch hilft. Prüft alles und behaltet das Gute, um es mit Paulus zu sagen.
Denn niemand von uns weiß endgültig, was Gott uns durch all diese alten Texte sagen will.
Vielleicht ist das auch gut so.
Denn ein letztes Wort über die Bibel würde bedeuten, dass danach nichts mehr zu sagen wäre.
Und wie lebendig wäre dann noch das lebendige Wort Gottes?
