Habt ihr einen Plan?
Also nicht unbedingt für heute oder für die kommende Woche. Sondern für euer Leben.
Ich kann von mir behaupten, dass ich nicht immer einen konkreten Plan hatte. Aber eine Vorstellung davon, wie mein Leben sein sollte, die hatte ich so lange ich denken kann.
In welchem Alter man was erreicht haben sollte. Wann man eine Familie gründet. Wie viele Kinder man bekommt. Wie sich der Beruf entwickelt. Welche Erfolge man feiert. Irgendwann ein Haus. Reisen. Sicherheit. Zufriedenheit. Glück.
Kurz gesagt: eine Vorstellung davon, wie das eigene Leben eigentlich sein sollte.
Und da ist es schon.
Dieses kleine Wort.
Eigentlich.
Eigentlich müsste ich produktiver sein.
Eigentlich müsste ich schon weiter sein.
Eigentlich müsste ich gelassener sein.
Eigentlich müsste ich mehr Sport machen.
Eigentlich müsste ich glücklicher sein.
Eigentlich ist „eigentlich“ das gefährlichste Wort unserer Sprache.
Denn mit diesem einen Wort entsteht eine Trennung. Auf der einen Seite steht das Leben, wie es ist. Auf der anderen Seite steht das Leben, wie es vermeintlich sein sollte.
Und plötzlich wird aus der Gegenwart ein Mangel.
Das Leben hält sich nicht an unsere Pläne
Natürlich sind Träume nicht falsch. Ziele sind nicht falsch. Es ist gut, eine Vorstellung davon zu haben, wohin man möchte.
Nur hält sich das Leben erstaunlich selten an unsere Vorstellungen.
Wir können nicht alles beeinflussen. Wir können nicht alles vorhersehen. Manchmal gehört eine gehörige Portion Glück dazu, wenn etwas gelingt. Manchmal verhindern Pech, Zufall oder Schicksal Dinge, die wir uns fest vorgenommen haben. Menschen treffen Entscheidungen, die wir nicht beeinflussen können. Türen öffnen sich. Andere bleiben verschlossen.
Manchmal klappt es einfach nicht.
Punkt.
Und trotzdem vergleichen wir das Leben, das tatsächlich stattfindet, mit jenem Leben, das wir irgendwann einmal in unserem Kopf entworfen haben.
Das ist ein ziemlich unfairer Vergleich.
Denn welches wirkliche Leben kann schon dauerhaft den eigenen Träumen standhalten?
Du sollst nicht begehren
Der Vergleich ist ohnehin ein ziemlich zuverlässiger Feind der Zufriedenheit.
Schon die Zehn Gebote kennen das Problem. Du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren, nicht seine Frau, seinen Knecht, seine Magd, sein Vieh oder irgendetwas, das ihm gehört.
Die Aufzählung klingt heute etwas aus der Zeit gefallen. Das Problem dahinter ist erstaunlich aktuell.
Heute sehen wir das Haus des Nächsten schließlich nicht nur, wenn wir daran vorbeigehen. Wir tragen die Häuser, Autos, Urlaube, Erfolge, Beziehungen und scheinbar perfekten Leben unzähliger Menschen jeden Tag in unserer Hosentasche mit uns herum.
Der Vergleich ist jederzeit verfügbar.
Aber es gibt noch einen zweiten Vergleich, für den wir nicht einmal ein Smartphone brauchen.
Den Vergleich mit uns selbst.
Genauer gesagt: mit jenem Menschen, der wir eigentlich sein wollten.
Mit dem Beruf, den wir eigentlich haben müssten. Mit der Gelassenheit, die wir eigentlich besitzen sollten. Mit der Beziehung, die eigentlich anders sein müsste. Mit den Dingen, die wir eigentlich längst erledigt haben sollten.
Dieses Idealbild existiert nirgendwo.
Außer in unserem Kopf.
Und trotzdem ist unser Geist problemlos dazu in der Lage, dieses Wunschbild neben die Wirklichkeit zu stellen und beides miteinander zu vergleichen.
Die Wirklichkeit kann dabei eigentlich nur verlieren.
Schon wieder dieses Wort.
So ist es
Genau hier liegt eine der großen Stärken der Achtsamkeit.
Achtsamkeit beginnt nicht mit dem Satz:
So müsste dieser Moment sein.
Sondern mit:
So ist er.
Das ist keine Resignation. Das ist Annahme.
Annahme bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Sie bedeutet nicht, nichts mehr verändern zu wollen. Sie bedeutet auch nicht, keine Ziele und Träume mehr zu haben.
Resignation sagt: Dann bleibt eben alles so.
Annahme sagt: Das ist jetzt meine Wirklichkeit. Ich schaue sie mir an. Und von hier aus entscheide ich, wie es weitergeht.
Denn handeln können wir ohnehin nur an einem einzigen Ort: im Hier und Jetzt.
Nicht in dem Leben, das wir eigentlich führen wollten. Nicht in der Vergangenheit, die eigentlich anders hätte verlaufen sollen. Und nicht in einer Zukunft, in der irgendwann alles so sein wird, wie wir es uns vorgestellt haben.
Sondern jetzt.
Vielleicht muss ich jemanden enttäuschen. Vielleicht kann ich jemanden glücklich machen. Vielleicht kann ich jemanden begeistern. Vielleicht muss ich eine Entscheidung treffen. Vielleicht kann ich etwas verändern. Vielleicht muss ich etwas akzeptieren.
Aber all das beginnt bei dem, was ist.
Einfach sitzen
Das klingt wunderbar einfach.
Ist es aber nicht.
Denn mitten im Alltag sehen wir gerne den Wald vor lauter Bäumen nicht. Wenn wir fröhlich sind, sehen wir die Welt durch unsere Freude. Wenn wir wütend sind, besteht die Welt aus unserem Ärger. Wenn wir traurig sind, sehen wir sie durch unsere Traurigkeit. Wenn wir uns sorgen, wird plötzlich alles zum möglichen Problem.
Deshalb brauchen wir manchmal einen Anker.
Der kann auf einem Meditationskissen liegen. Oder auf einer Gebetsbank. Auf einem Küchenstuhl. Einer Parkbank. Eigentlich ist sogar das egal.
Setz dich hin.
Bleib still.
Und dann sitze einfach da.
Lass die Gedanken kommen und gehen wie die Wellen des Meeres oder die Wolken, die am Himmel vorüberziehen.
Wie fühlst du dich gerade?
Bist du müde oder wach? Fröhlich oder traurig? Wütend? Unruhig? Zufrieden? Unsicher?
Bewerte es nicht sofort.
Alles darf zunächst da sein.
Freude und Liebe gehören zum Leben. Begeisterung gehört dazu. Aber eben auch Sorgen, Frust und Trauer. Ärger und Unsicherheit. Hoffnung und Enttäuschung.
Achte auf deinen Atem.
Du musst ihn nicht verändern. Nimm ihn einfach wahr. Wenn deine Gedanken abschweifen, komm mit deiner Aufmerksamkeit zurück zum Atem.
Fünf Minuten. Zehn Minuten. Vielleicht länger. Vielleicht kürzer.
Manche nennen das Meditation. Andere würden vielleicht von Kontemplation sprechen. Man kann darin ein Gebet sehen oder einfach eine kurze Auszeit vom Lärm der Welt.
Der Name ist gar nicht so wichtig.
Und wenn du jetzt denkst: Eigentlich kann ich das nicht. Bei mir gehen die Gedanken niemals weg – dann ist da unser kleines Wort schon wieder.
Die Gedanken müssen gar nicht weg.
Lass sie da sein. Sie kommen. Sie gehen. Und irgendwann werden sie ruhiger. Sie setzen sich wie der Staub in der Luft oder die Schwebeteilchen in ruhigem Wasser.
Du musst dafür nichts leisten. Nur abwarten.
Von hier aus
Vielleicht ist „eigentlich“ am Ende gar nicht unser Feind.
Das Wort zeigt schließlich auch, dass wir Wünsche haben. Träume. Vorstellungen. Ziele. Dass wir etwas verändern möchten.
Gefährlich wird es erst, wenn aus jedem Wunsch ein Muss wird. Wenn aus einer Vorstellung ein Maßstab entsteht, an dem wir unser wirkliches Leben messen. Wenn wir vor lauter Blick auf das, was eigentlich sein sollte, übersehen, was längst da ist.
Vielleicht können wir dann das kleine Wort manchmal einfach streichen.
Nicht:
Eigentlich müsste ich schon weiter sein.
Sondern:
Ich bin heute hier.
Nicht:
Eigentlich müsste mein Leben anders sein.
Sondern:
Das ist mein Leben.
Mit allem, was gelungen ist. Mit allem, was schiefgegangen ist. Mit Freude und Trauer, Umwegen und Überraschungen, offenen Fragen und neuen Möglichkeiten.
Und von hier aus geht es weiter.
Nicht eigentlich.
Sondern jetzt.
