Ich jogge gerne.
Nicht besonders gut. Nicht besonders schnell. Aber besonders gerne.
Meistens habe ich dabei meine Kopfhörer in den Ohren, höre einen Podcast und ziehe einfach meine Runde. Mittwochs laufe ich allerdings nicht allein. Dann trifft sich unsere Jogginggruppe von der Kirche.
„Kirche? Läuft!“ haben wir sie genannt.
Einmal im Jahr buchen wir eine Trainerin, die uns ein paar Grundlagen des Laufens beibringt. Vroni – Grüße gehen raus!
Vor inzwischen einigen Jahren hat sie mir gesagt, dass ich beim Laufen aufrechter bleiben und mein Gewicht stärker auf den Mittelfuß verlagern sollte. Ich setzte das während des Trainings auch um. Für einen kurzen Moment konnte ich spüren, was sie meinte.
Doch sobald ich wieder allein unterwegs war, verfiel ich in meine alte Routine. Ich kam beim Laufen weiterhin stark mit der Ferse auf – nebenbei bemerkt: nicht das Beste für meine Knie.
Bei jeder Trainingsrunde hatte ich allerdings immer Vronis Stimme im Ohr:
Aufrechter!
Mehr auf den Mittelfuß!
Wieder und wieder erinnerte ich mich daran. Manchmal gelang es mir für einige Schritte. Dann fiel ich erneut in meinen alten Laufstil zurück. Ich versuchte es wieder. Schritt für Schritt. Kilometer für Kilometer.
Ich weiß nicht, wie viele Trainingskilometer es gedauert hat. Aber inzwischen habe ich es verinnerlicht. Ich laufe aufrechter, komme anders auf und habe deutlich weniger Probleme mit meinen Knien.
Das Wissen war von Anfang an da.
Aber es hat Zeit gebraucht, bis es vom Kopf in den Körper gelangt ist.
Wieso sollte es bei der Achtsamkeit anders sein?
Auch hier kenne ich längst viele der Grundlagen. Im Augenblick leben. Loslassen. Die Perspektive wechseln. Die eigenen Gedanken wahrnehmen, ohne sich von ihnen forttragen zu lassen.
Kognitiv ist das alles da.
Das ist wichtig. Und das sind wichtige Leitplanken.
Und trotzdem bedeutet es noch lange nicht, dass ich es in jeder Situation umsetzen kann. Manchmal verfalle ich in alte Denkweisen. Dann hänge ich Vergangenem nach, mache mir Sorgen um die Zukunft oder bewerte einen Moment vorschnell, anstatt ihn zunächst einmal so anzunehmen, wie er ist.
Doch so langsam bemerke ich eine Veränderung.
Es fällt mir leichter, innezuhalten. Es gelingt mir häufiger, meine Perspektive zu wechseln. Manches, worüber ich mich früher lange geärgert hätte, kann ich heute schneller loslassen. Nicht immer. Aber immer öfter.
Das Wissen sickert ganz langsam in mein Leben ein.
Es wandert vom Kopf ins Herz.
Eigentlich ist das nicht verwunderlich. Niemand würde einmal ins Fitnessstudio gehen und nach dem ersten Training einen durchtrainierten Körper erwarten. Niemand stellt sich nach einer Stunde vor den Spiegel und wundert sich ernsthaft darüber, dass der Sixpack noch nicht zu sehen ist.
Uns ist klar, dass körperliche Veränderungen Zeit brauchen. Dass wir regelmäßig trainieren müssen. Und dass es – speziell beim Sixpack – nicht allein mit dem Training getan ist. Dazu gehört eine Veränderung der Ernährung und damit häufig der gesamten Lebensweise.
Bei der Achtsamkeit vergessen wir das manchmal.
Ein Buch zu lesen, einen Podcast zu hören oder an einem Kurs teilzunehmen, kann einen wichtigen Impuls geben. Doch das allein verändert noch nicht unser Leben. Wir müssen das, was wir verstanden haben, immer wieder ausprobieren und einüben.
Nicht als großes Selbstoptimierungsprojekt. Nicht mit dem Anspruch, irgendwann vollkommen achtsam zu sein. Sondern als innere Arbeit, die uns nach und nach verändert.
Wie weit wir dabei gehen möchten, entscheidet jeder Mensch selbst. Manche wollen zunächst nur an der Oberfläche kratzen. Andere möchten tiefer eintauchen. Beides ist in Ordnung.
Aber ganz ohne Übung geht es nicht.
„Von nichts kommt nichts“ gilt nicht nur beim Laufen oder im Fitnessstudio. Es gilt auch für unsere innere Arbeit.
Veränderung braucht Wiederholung.
Schritt für Schritt.
Kilometer für Kilometer.
Bis das, was wir längst wissen, irgendwann vom Kopf ins Herz gelangt.
In diesem Sinne: Bleib achtsam!
