Ich lese wieder!
Damit meine ich jetzt nicht die vielen Dinge, die ich auf der Arbeit lesen muss.
Oder, dass ich in Urlauben immer gern so zwei bis drei Bücher lese, wenn ich die Muße dafür habe.
Nein!
Ich meine, dass ich wieder kontinuierlich lese. Tag für Tag. Ungefähr 20 bis 50 Seiten, selten weniger, manchmal mehr.
Angefangen hat das mit einem Podcast, auf den ich gestoßen bin. „Eat. READ. Sleep.“ vom NDR – liebe Grüße gehen raus! In jeder der im Zwei-Wochen-Rhythmus erscheinenden Folgen gibt es neben jeder Menge toller Buchtipps eine Bestseller-Challenge. Aus einer Truhe wird der Name eines aktuellen Bestsellers gezogen, der dann gelesen und in der nächsten Folge besprochen wird. Die Zuhörer sind eingeladen, mitzulesen. Einige Male habe ich jetzt daran teilgenommen und fand den Ansporn und den Abwechslungsreichtum großartig.
Doch bei diesem wiederentdeckten Lesen ist mir aufgefallen, wie heilsam das doch ist.
- Dieses Eintauchen in fremde Welten.
- Dieses Hineinschauen in andere Leben.
- Der Blick in den Kopf anderer – auch wenn sie fiktiv und konstruiert sind.
Schon oft habe ich hier und auch auf Instagram geschrieben, dass wir nur dieses eine Leben haben. Dass der Spruch „In diesem Leben nicht mehr“ fatal ist. Dass wir uns auf den Moment ausrichten sollten, weil dort unser Leben ist.
All das stimmt.
Und doch kenne ich nur zu gut diese eine Frage: Was wäre eigentlich gewesen, wenn ich einen anderen Weg eingeschlagen und die Weichen anders gestellt hätte?
Ich bin jemand, der viel über die Varianten nachdenkt.
Wie hätte sich mein Leben entwickelt, wenn ich das gelernt oder das studiert hätte? Wenn ich dies früher gewusst und das gar nicht ausprobiert hätte? Wenn ich hier eine andere Entscheidung getroffen hätte?
Hätte, wenn und aber.
Das Lesen bietet einen Weg, hier herauszufinden.
In der Literatur finden sich all diese Varianten – hundertfach, tausendfach.
Man kann tausend Leben leben, indem man zwischen zwei Buchdeckeln in sie eintaucht.
Und was zeigt sich:
- In all diesen Leben gibt es Herausforderungen.
- In all diesen Leben gibt es Entscheidungen.
- In all diesen Leben gibt es unerfüllte Wünsche.
- In all diesen Leben gibt es Enttäuschungen.
Aber auch:
- Liebe, Freude, Frieden, Versöhnung und Hoffnung.
In den Büchern erleben wir mit, wie die Protagonisten die großen Gefühle fühlen, wie sie sich Herausforderungen stellen, wie sie innerlich hadern und sich Gedanken machen. Wie Intrigen gesponnen werden und wie sie sie aushalten. Wie sie mit Schicksalsschlägen umgehen und wie gleichbleibend die Welt doch ist (wenn die Bücher in der realen Welt spielen.)
Es zeigt sich: Kein Leben kann alles haben.
Kein Leben kann ohne Entscheidungen und Weggabelungen auskommen. Manche sind gut, manche sind Fehler, aber alle gehören dazu. Manchmal gibt es ein Happy End, manchmal nicht, aber immer gibt es ein Weiter.
Die Geschichten bieten Einordnung.
Sie helfen mir, mein Leben in eine Reihe anderer zu stellen, die ich (mit)gelebt habe, ohne in einen direkten Vergleich gehen zu müssen.
Ich war im Kopf der Protagonisten.
Ich war der Protagonist für einige hundert Seiten.
Das erlaubt mir loszulassen.
Ich muss nicht alles in meinem Leben haben. Das hat niemand.
Es reicht, wenn ich mein Leben lebe, die guten Momente genieße, die herausfordernden annehme und mich einordne in die unzähligen Leben aller Menschen, die alle auf der gleichen Suche sind.
Alle ganz normal.
Alle gleich wertvoll.
