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Mensch bleiben

In den 1950er-Jahren kam im Duisburger Binnenhafen erstmals Kohle aus Pennsylvania an, die – im Tagebau mit großen Maschinen abgebaut – günstiger war, als die Kohle, die die Kumpel im Ruhrgebiet aus großer Tiefe zu Tage förderten. Schon zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Arbeit in den Stollen und Schächten grundlegend verändert: An die Stelle von Schlegel und Eisen waren Presslufthämmer getreten, die die menschliche Kraft vermeintlich unterstützten. Tatsächlich zerstörten sie durch ihre Vibrationen die Nerven in den Händen und damit die Körper der Arbeiter. Weitere Maschinen kamen- Sie schützten mit dem aufkommenden Arbeitsschutz die Menschen, zeigten ihm gleichzeitig aber auch durchgehend ihre Überlegenheit. Vorbei die Zeit, in der die Bergleute die Kohle händisch aus den Stollen schlugen und sich über die eigene körperliche Kraft definierten. Die Maschinen brachten mehr Kraft auf, als es ein Mensch je gekonnt hätte.

Natürlich: Es wurden noch Kumpel benötigt. Die Maschinen wollten bedient und gewartet werden, die Produktivität gesteigert. Aber der Wert der menschlichen Kraft fand sich im freien Fall. Was da in den 50ern so unscheinbar begann, wuchs sich zum großen Zechensterben und zum Strukturwandel einer ganzen Wirtschaftsregion aus.

Die Bergleute blieben bei weitem nicht die einzigen, die sich dem technischen Fortschritt gegenübersahen. Immer wieder übertraf die Technik die menschlichen Fähigkeiten und machte sie überflüssig.

Beispiele gefällig?

Das Fräulein vom Amt ist schon lange Geschichte – ersetzt durch moderne Kommunikationstechnologien. Die Stenographinnen wichen dem Diktiergerät. Die Kolonnen von Sekretärinnen an Schreibmaschinen hatten keine Chance gegen den Computer. Selbst das „Zwei-Finger-Adler-Such-System“ (das nebenbei bemerkt der jetzige Kanzler noch anwendet) war ihnen dank des Computers und der Korrekturtaste überlegen. Heute gehört das Tastaturschreiben zur Normalität und nicht zur speziellen Kompetenz.

Alte Jobs verschwanden, neue kamen. So war es die gesamte technische Revolution über. Der Druck und das Tempo stiegen. Der Mensch verlangte sich immer mehr ab.

Doch wozu eigentlich?

Das Selbstverständnis zerbrach, die Welten von Bergleuten und Sekretärinnen zerbröselten. Die Effizienz und die Gewinne stiegen. Aber wurde es dadurch ruhiger? Hieß es dadurch: Jetzt können wir weniger tun?

Nur sehr bedingt – und die Errungenschaft des 8-Stunden-Tags steht gerade wieder zur Debatte.

Technologischer Fortschritt und gesteigerte Effizienz führten eben auch dazu, dass sich die Menschen mehr und mehr abverlangten. Immer mehr leisteten. Auch wenn das als zu bequem wahrgenommen wird.

Und jetzt kommt die KI.

Künstliche Intelligenz.

Jetzt geht es den ganzen Bessergestellten an den Kragen.

Monotone Arbeitsaufgaben in deutschen Amtsstuben ließen sich auf Knopfdruck erledigen – wenn man die Künstliche Intelligenz nur ließe.

Was früher Stunden gedauert hat, dauert heute Sekunden.

Ein mächtiges Werkzeug und doch ein falscher Freund. Gleichzeitig gar nicht so anders als der Presslufthammer.

Der Presslufthammer löste die menschliche Kraft ab.

Der Computer machte Standardaufgaben leichter lösbar.

Die KI löst nun das Denken ab.

Klar: Man muss kontrollieren! Aber von Monat zu Monat weniger.

Eigentlich kann sich niemand beschweren. Denn uns wird nur dasselbe zugemutet wie den Bergleuten in der fortschreitenden Industrialisierung.

Und dennoch sollte man Bedenken, was das bedeutet.

Wie bleibt man Mensch, wenn die eigene Welt zusammenfällt?

Der Verfall des Bergbaus und der Bedeutungsverlust der menschlichen Kraft brachte grundlegende gesellschaftliche Veränderungen mit sich. War der Vater auf der Zeche, ging auch der Sohn auf die Zeche, so wie es schon der Großvater gemacht hatte? Das galt nicht länger. Ein Identitätsverlust ohne Gleichen.

Die technologische Revolution in den Sekretariaten und Büros verlief leiser. Traurig, aber zu befürchten: Weil hier Frauen die betroffenen waren.

Jetzt schreckt die KI alle auf und lässt einen nie dagewesenen gesellschaftlichen Umbruch befürchten. Was hat noch Wert, wenn die Maschinen auch das Denken übernehmen? Wo sollen all die Menschen arbeiten? Wie wird sich Gesellschaft organisieren.

Das scheint alles unsicherer denn je.

Und es macht eins ganz deutlich: Dass Arbeit, und Gewinn, und Profit und Gier nicht die Identitätsanker sein können.

Wie bleibt man Mensch?

Was bedeutet Mensch sein?

Wie können wir friedlich zusammenleben?

Und was zeichnet eine solidarische Gesellschaft in Zeiten der KI-Revolution aus?

Das sind die Fragen, die wir uns stellen müssen.

Das sind die Antworten, die wir suchen müssen.

Und das sind die Antworten, die ganz konkret ich suche.

Ich freue mich über jeden, der dabei an meiner Seite ist.

Glück Auf!

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