Vor einiger Zeit habe ich mir eine Diskussion auf Youtube angeschaut. Sie lief auf einem Kanal, in der Atheisten immer wieder die Konfrontation mit Gläubigen suchen. In dieser Folge gab es ein Beispiel mit schwarzen Autos. Eine Verwandte oder Bekannte eines der Moderatoren hatte offenbar die Überzeugung entwickelt, schwarze Autos seien ein Zeichen. Es gebe eine auffällige, vielleicht sogar unnatürliche Häufung von ihnen.
Einer der Moderatoren erzählte, dass auch er seitdem ständig schwarze Autos sehe. Aber natürlich nicht, weil es plötzlich mehr davon gebe. Sondern weil sein Gehirn nun auf sie ausgerichtet sei. Was wir erwarten, wonach wir suchen und womit wir uns beschäftigen, nehmen wir häufiger wahr. Die schwarzen Autos waren kein Zeichen. Ihre vermeintliche Häufung war eine Laune unserer Wahrnehmung. Die Deutung der Frau war Blödsinn. Wie kann man so dumm Sein? Fall erledigt. Alle lachen, was haben sie doch für eine gute Zeit!
Ich hätte eine andere Frage an den Moderator gehabt:
Was bedeutet das Beispiel für die Autos?
Vor allem eines: Dass sie da sind.
Denn ganz gleich, ob man in den schwarzen Autos eine besondere Bedeutung sieht oder ihre Häufung für Zufall hält: Für beides müssen sie zunächst einmal da sein.
Vielleicht gibt es tatsächlich besonders viele von ihnen, weil schwarze Autos sich gut verkaufen. Vielleicht sind es gar nicht mehr als andere und sie fallen uns nur stärker auf. Vielleicht hat die Autoindustrie irgendwann ganz bewusst entschieden, mehr schwarze Modelle auf den Markt zu bringen. Und vielleicht sieht derjenige, der auf schwarze Autos achtet, tatsächlich jedes einzelne – während alle anderen an ihnen vorbeigehen.
Die Wahrnehmung lässt sich erklären. Die Deutung lässt sich infrage stellen. Aber die schwarzen Autos verschwinden dadurch nicht.
Die Sehnsucht ist da
Seit Jahrtausenden erzählen Menschen von Erfahrungen, die über ihren Alltag hinausweisen. Sie sprechen von Göttern und Geistern, von Erleuchtung und Erwachen, von Einheit und Verbundenheit, von einer göttlichen Gegenwart und von einer Wirklichkeit, die größer ist als sie selbst.
Die Bilder und Vorstellungen unterscheiden sich erheblich. Manches widerspricht sich. Religionen wurden instrumentalisiert, um Macht auszuüben, Angst zu verbreiten und Menschen kleinzuhalten. Religiöse Überzeugungen wurden benutzt, um Kriege zu rechtfertigen, gesellschaftliche Ordnungen als gottgegeben darzustellen und andere Menschen auszugrenzen.
All das ist wahr.
Aber ebenfalls wahr ist: Immer wieder haben Menschen etwas erfahren, das sie als Berührung mit einer tieferen Wirklichkeit verstanden haben. Christliche Mystikerinnen und Mystiker suchten die unmittelbare Nähe Gottes. Buddhisten suchen Wege zur Erleuchtung. Menschen unterschiedlichster Kulturen entwickelten Rituale, Gebete und Formen der Meditation. Und bis heute kennen viele diese schwer zu beschreibenden Augenblicke: am Meer, im Wald, in der Musik, in der Liebe, in der Stille oder in der Gemeinschaft mit anderen.
Vielleicht sind all diese Erfahrungen psychologisch und neurologisch erklärbar. Vielleicht entstehen sie durch bestimmte Vorgänge in unserem Gehirn. Vielleicht sucht der Mensch von Natur aus nach Mustern, Sinn und Zusammenhang, selbst wenn es diese außerhalb seiner Wahrnehmung gar nicht gibt.
Mag sein.
Doch damit ist die Frage nicht beantwortet, sondern zunächst nur beschrieben, wie solche Erfahrungen entstehen könnten. Ob sie ausschließlich aus uns selbst kommen oder ob wir in ihnen auf etwas antworten, das tatsächlich da ist, bleibt offen.
Vielleicht sind es nur schwarze Autos.
Aber vielleicht lohnt es sich trotzdem, hinzusehen.
Spirituell – aber nicht religiös?
Ich kenne viele Menschen, die sagen:
Ich glaube schon, dass es etwas Höheres gibt. Aber Kirche? Nein danke.
Manche von ihnen haben schlechte Erfahrungen mit Kirche gemacht. Andere können mit ihren Dogmen, ihrer Sprache und ihren moralischen Ansprüchen nichts anfangen. Sie glauben nicht an einen alten Mann auf einer Wolke. Sie wollen sich nicht vorschreiben lassen, wen sie lieben dürfen, wie sie leben sollen oder welche Sätze sie für wahr halten müssen.
Und trotzdem spüren sie eine Sehnsucht. Sie fragen nach Sinn. Sie erleben Momente, die sich für sie eher nach Fügung als nach Zufall anfühlen. Sie stehen am Meer, schauen in den Himmel oder halten einen geliebten Menschen im Arm und fragen sich, ob das wirklich schon alles sein soll.
Für diese Haltung gibt es inzwischen eine verbreitete Bezeichnung: spiritual but not religious – spirituell, aber nicht religiös.
Ich verstehe diese Haltung gut. Und doch gehöre ich selbst nicht vollständig dazu.
Denn ich bin noch immer kirchlich-religiös verwurzelt. Ich besuche Gottesdienste und gestalte selbst welche mit. Biblische Texte geben mir zu denken. Vertraute Gebete und Rituale geben mir Halt. In einer guten katholischen Messe kann ich mich in Formen fallen lassen, die ich nicht jedes Mal neu verstehen oder begründen muss. Die Eucharistie, die Musik und das gemeinsame Singen führen mich aus dem Denken heraus. Sie können für mich Schlüssel zu Einkehr, Frieden, Ruhe und Nähe zu Gott sein.
Aber ein Schlüssel ist nicht die Tür. Und ein Weg ist nicht das Ziel.
Ich glaube nicht, dass Gott an konfessionellen Grenzen endet. Ich glaube nicht, dass ein Mensch zuerst Mitglied einer Kirche werden oder die richtigen Glaubenssätze unterschreiben muss, bevor er etwas Heiliges erfahren darf. Gott ist größer als die Wege, auf denen wir ihn suchen. Und wir verlieren ihn nicht, wenn wir uns von der Konstitution Kirche abwenden.
Deshalb schreibe ich sowohl für Menschen, die sich abgewendet haben und suchen, als auch für Menschen, die kirchlich verwurzelt sind, denen konfessionelle Grenzen aber schon immer zu eng waren.
Zwischen Dogma und magischem Denken
Auf der anderen Seite sehe ich Menschen, die ihre Wünsche an das Universum richten, Zeichen suchen oder versuchen, sich durch Manifestation eine bestimmte Wirklichkeit zu erschaffen.
Auch darin erkenne ich zunächst eine echte Sehnsucht: den Wunsch, dass das eigene Leben nicht bedeutungslos ist. Dass es einen Zusammenhang gibt. Dass wir mit unseren Hoffnungen nicht allein sind. Dass sich manches vielleicht tatsächlich fügt.
Mit dieser Sehnsucht kann ich viel anfangen. Mit manchen Schlussfolgerungen nichts.
Wenn ich mir wünsche, häufiger schwarze Autos zu sehen, und anschließend mehr davon bemerke, bedeutet das nicht automatisch, dass das Universum sie für mich bestellt hat. Wenn ich einen Wunsch auf einen Zettel schreibe und verbrenne, muss keine unsichtbare Kraft dadurch meine Zukunft neu organisieren.
Trotzdem kann ein solches Ritual etwas bewirken. Vielleicht nehme ich meinen Wunsch erstmals ernst. Vielleicht erkenne ich, was ich selbst verändern kann. Vielleicht hilft mir das Verbrennen dabei, einen Gedanken loszulassen. Ein Ritual muss nicht magisch wirken, um wirksam zu sein.
Ich möchte mich deshalb nicht zwischen zwei fertigen Weltbildern entscheiden müssen.
Auf der einen Seite: Gott ist genau so, und wir sagen dir, was du glauben musst.
Auf der anderen: Das Universum erfüllt deine Wünsche, wenn du nur richtig manifestierst.
Zwischen Dogma und Räucherstäbchen muss noch Platz für die offene Suche sein.
Mehr, als wir erklären können?
Naturwissenschaftliche Erkenntnisse stelle ich dabei nicht infrage. Im Gegenteil: Ich finde es faszinierend, wie viel wir inzwischen über die Entstehung des Universums, das menschliche Gehirn und die Grundlagen unseres Lebens wissen.
Aber die Naturwissenschaft arbeitet mit einer bestimmten Methode. Sie beobachtet, misst, vergleicht und überprüft. Gerade weil sie persönliche Gefühle und Überzeugungen nicht als Beweis gelten lässt, kann sie verlässliche Aussagen treffen.
Problematisch wird es, wenn aus dieser Methode eine Weltanschauung wird: wenn behauptet wird, nur das Messbare könne wirklich sein und alle Fragen jenseits davon seien bereits erledigt.
Wir können messen, was im Gehirn geschieht, wenn ein Mensch liebt. Wir können Hormone, elektrische Aktivität und körperliche Reaktionen untersuchen. Doch haben wir damit bereits erfasst, was diese Liebe für ihn bedeutet? Warum sie gerade diesem Menschen gilt? Welche gemeinsame Geschichte in ihr lebt? Was sie in zwei Menschen verändert?
Vielleicht lässt sich auch das eines Tages vollständig erklären.
Vielleicht aber auch nicht.
Ich weiß es nicht. Und ich sehe keinen vernünftigen Grund, so zu tun, als sei die Frage längst beantwortet.
Zweifel gehört dazu
Deshalb musst du hier nicht religiös sein. Nicht spirituell. Und schon gar nicht esoterisch.
Du darfst glauben, dass es etwas Höheres gibt, und trotzdem mit Kirche nichts anfangen können. Du darfst in einer Kirche zu Hause sein und dennoch bezweifeln, dass sie allein über die Wahrheit verfügt. Du darfst manche Ereignisse als Fügung erleben, ohne zu behaupten, du könntest Gottes Plan lesen. Du darfst wissenschaftlich denken und trotzdem offen dafür bleiben, dass die Wirklichkeit größer sein könnte als das, was wir bisher erklären können.
Und du darfst zweifeln.
Denn es gibt keinen ehrlichen Glauben ohne Zweifel. Wer behauptet, die letzten Antworten bereits zu besitzen, hat vielleicht aufgehört zu suchen.
Ich habe diese Antworten jedenfalls nicht.
Ich weiß nicht, ob das, was ich manchmal als Fügung empfinde, tatsächlich einer größeren Ordnung folgt oder ob mein Gehirn im Rückblick aus den Ereignissen meines Lebens eine sinnvolle Geschichte entstehen lässt. Ich weiß nicht, ob ich in der Stille Gott begegne oder ob mein Nervensystem einfach zur Ruhe kommt.
Aber ich glaube fest daran, dass beides nebeneinander bestehen kann.
Und ich weiß, dass hinter den Gedanken Friede und Ruhe liegen, die keine Erklärungen mehr einfordern.
Ich habe mich dafür entschieden, dem Leben mit Vertrauen zu begegnen. Nicht, weil ich beweisen könnte, dass sich am Ende alles fügt. Sondern weil sich dieser Weg für mich richtig anfühlt. Vielleicht fügt sich nicht alles von selbst. Aber im Vertrauen kann aus vielem ein Weg werden.
Ein Ort für die offene Suche
ahta ist deshalb kein Ort, an dem ich dir die Welt erkläre.
Ich verkünde keine letzte Wahrheit. Ich möchte dich weder bekehren noch einer Konfession, Religion oder spirituellen Schule zuordnen. Ich teile Gedanken, Erfahrungen und Fragen. Ich schreibe über Achtsamkeit, Spiritualität und Religion, über das, was mich trägt, und über das, woran ich zweifle.
Manchmal spreche ich dabei christlich, weil das Christentum meine religiöse Heimat und die Sprache ist, in der ich gelernt habe, nach Gott zu fragen. Manchmal überschreite ich konfessionelle Grenzen. Manchmal suche ich im Wald, am Meer, in einer Meditation oder in einer alltäglichen Begegnung nach Spuren von etwas Größerem.
Und manchmal zähle ich schwarze Autos.
Nicht, weil jedes schwarze Auto ein Zeichen sein muss. Sondern weil wir vielleicht etwas übersehen, wenn wir schon vor dem Hinsehen wissen, dass es nichts besonderes sein kann.
Wenn du dich darin wiederfindest, wenn du zweifelst und suchst, wenn du dich nach etwas Größerem sehnst, ohne dich vorschnell festlegen zu wollen, dann bist du hier genau richtig.
Ich freue mich über jeden Menschen, der ein Stück mitgeht.
