StartReligion… auf Jesus Christ allein

… auf Jesus Christ allein

Es gibt ein Kirchenlied, das mir in letzter Zeit immer und immer wieder durch den Kopf geht. Vielmehr nicht das ganze Lied, sondern lediglich die dritte Strophe. Und bevor sich jetzt jemand fragt, wie so was passieren kann: Dieses Lied wurde in der letzten Messe in meiner Heimatkirche gefeiert, bevor sie geschlossen wurde.

Es handelt sich dabei um die dritte Strophe des Liedes „Ein Haus voll Glorie schauet“. Sie lautet:

Die Kirche ist erbauet auf Jesus Christ allein.
Wenn sie auf ihn nur schauet, wird sie im Frieden sein.
Herr, dich preisen wir, auf dich bauen wir;
lass fest auf diesem Grund uns stehn zu aller Stund.

Wen es interessiert: das Lied steht im Gotteslob, Nummer 478.

Es ist der halbe Vers aus dem Titel, der mich an dieser Strophe festhält – und es ist die gesamte Strophe, die ohne Frage meine ganze Beziehung zu meiner Religion, meiner Kirche und meinem Glauben insgesamt beschreibt.

„… auf Jesus Christ allein“

Ich bin Christ. Also eigentlich selbstverständlich, oder?

Und doch ist es genau der Punkt, der mich von vielen fundamentalistischen und evangelikalen und bibeltreuen – oder wie man sie auch nennen möchte – Christen abstößt.

Ich habe mir vieles angeschaut und vieles angehört – auf Youtube, auf Tiktok, teilweise auch auf Spotify  – kurz: dort, wo diese Gruppen besonders laut sind. Und immer wieder fällt mir auf, wie sehr sie Absolutheiten verkünden. Wie sehr sie vermeintlich einfache Regeln aufstellen. Wie sehr sie sich auf die Bibel beziehen, um andere auszugrenzen. Dabei aber immer sagen, dass sie nur Christus folgen und keine andere Wahl hätten. Denn die Bibel in ihrer Gesamtheit sei nun einmal Gottes unveränderliches Wort.

Wenn man dann einmal genauer schaut, stammen viele dieser Regeln gar nicht von Jesus. Vieles, was da als Gottes unveränderliche Regel im Namen Jesu Christi gepredigt wird, stammt zu einem sehr, sehr großen Teil aus den Briefen des Paulus.

Ich möchte keinesfalls die Rolle von Paulus für die Entstehung und die Entwicklung des Christentums klein reden.

ABER:

Wir müssen darauf schauen, wer Paulus war.

Ein Pharisäer, in seiner frühen Zeit ein Christenverfolger, nach seiner – von ihm selbst –verkündeten und dargestellten Bekehrung der Apostel der Völker.

So weit so gut.

Der Schreiber vieler Briefe. Und auch wenn einige der Paulus-Briefe nicht als authentisch gelten, können wir dennoch davon ausgehen, dass sie von seinen Schülern und Anhängern stammen und daher seine Gedankenwelt widerspiegeln.

Das erste Problem besteht darin, dass wir nur die eine Seite der in den Briefen stattfindenden Kommunikation kennen. Das kann einmal Thema eines späteren Blogbeitrags sein.

Worum es mir heute hier geht:

Paulus ist nicht Jesus.

Er war während des Wirkens von Jesus auch kein Apostel.

Er war ein von der jüdischen Tradition geprägter Mensch und als Pharisäer eben dies in einer ganz intensiven Weise.

Das alles sollten wir mitbedenken, wenn wir seine Briefe lesen.

Denn um es ganz klar zu sagen: Paulus war quasi der erste Ausleger von Christi Lehre.

Nah dran – keine Frage. Aber auch er legt aus, was er erfahren hat, und prägt es mit seiner Persönlichkeit als Mensch.

Die Pharisäer waren die strengen Glaubenshüter. Sie kommen nicht besonders gut weg in den Evangelien, allerdings waren sie sicher weit besser als ihr biblischer Ruf. Denn ihnen lag daran, die Tradition zu wahren, die Religion zu erhalten und diese den Menschen in ihrer reinen Form zugänglich zu machen.

Ein hehres Ziel, das allerdings auch dort schon zu einer sehr wörtlichen Schriftauslegung führte.

Wenn man bedenkt, dass Pauus Pharisäer war, dann ist es nicht verwunderlich, dass er nach sehr einfachen und klaren Regeln strebt.

Auch das ist nicht verwerflich.

Das Problem dabei: teilweise steht dieses Ziel im Widerspruch zu dem, was Jesus gesagt und getan hat.

Denn Jesus ist nicht so „bibeltreu“, so am Wort klebend, so radikal, evangelikal. Ganz im Gegenteil: Er wirft den Pharisäern sogar vor, das Wort nur wörtlich zu befolgen und den Sinn nicht zu verstehen, wenn er ihnen sagt, dass sie den Becher nur von außen sauber halten, er aber von innen schmutzig bleibt. Wenn er vermeintlich die zehn Gebote verschärft, indem er klarstellt, dass nicht das formale Abhaken, sondern die innere Arbeit gemeint ist. Jesus sagt auch, dass der Sabbath – also die Religion – für den Menschen da ist und nicht der Mensch für den Sabbath. Und er warnt sogar ganz eindeutig: „Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer.“

Anders formuliert spricht sich Jesus ganz klar gegen eine äußerliche Gesetzesreligion aus. Bei ihm wird das Gesetz zu Haltung und nicht zur Vorschrift. Die Reinheit entsteht von innen heraus, durch Bewusstsein, Liebe, Beziehung und Barmherzigkeit. Die Sünde ist eine Entfremdung von Gott und nicht eine formale Übertretung von Gesetzen. Die Theologie von Jesus ist somit hermeneutisch-dynamisch und zielt auf eine innere Wandlung des Menschen und nicht auf eine reine Regelbefolgung.

Bei Paulus und seinem pharisäischen Blickwinkel ist das anders. Sein Denken bleibt von Gesetz und Erlösung geprägt. Zwar löst er das mosaische Gesetz durch den Glauben an Christus ab, die grundlegende Struktur aber behält er bei: Der Mensch ist sündig, er kann sich selbst nicht retten und nur der Glaube (nicht das Tun) rechtfertigt ihn vor Gott. Damit verschiebt sich allerdings das Zentrum von der inneren Wandlung – dem Ansatz Jesu – hin zu einer religiösen Mechanik von Sünde, Kreuz, Gnade und Erlösung. Das ist sehr kraftvoll, aber es veräußerlicht den Glauben wieder, den Jesus eigentlich ins Innere gezogen hat. Die Rettung geschieht bei Paulus außerhalb des Menschen, durch einen göttlichen Akt, und nicht im Inneren durch die Bewusstwerdung.

Das Problem daran ist: Paulus bietet die vermeintlich einfachen Regeln.

Das Problem daran wiederum ist: Die einfachen Regeln lassen sich einfacher predigen und als Machtinstrument nutzen.

Das grundlegende Problem an beiden vorangegangenen Problemen ist: Das hat mit Jesus und seiner Lehre dann nicht mehr viel zu tun.

Bibelfundamentalisten meißeln die Bibel geradezu in Stein, erklären sie zu der einzig gültigen Instanz und kleben an den Worten. Dabei waren die Texte so niemals gedacht. Es geht nicht darum, was geschrieben steht, sondern darum, wie es gemeint ist. Es ist schwer vorstellbar, dass es um Konservierung ging. Die Texte der Bibel sind vielmehr Hinweise, Wegweiser, um zum Glauben, damit zu Gott und damit zum Frieden zu finden.

Evangelikale geben aus meiner Sicht diesen Schatz, der vor ihnen liegt, für (vermeintlich) einfach zu befolgende Regeln auf.

Sie sagen, sie folgen damit Jesus.

In Wirklichkeit folgen sie damit Paulus.

Das jesuanische Christentum ist frei, lebensbejahend, offen und erfüllend.

Das paulinische Christentum ist eng, streng und ausgrenzend.

Jesus hätte das nicht gewollt.

Ich denke, Paulus auch nicht in dieser Form.

Ich bin mir sicher, dass ich nicht der Einzige bin, der so denkt.

Und ich finde: Wir dürfen lauter werden!

Vorheriger Artikel
RELATED ARTICLES

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Most Popular

Recent Comments