StartAchtsamkeitAchtsamkeit und Single Malt

Achtsamkeit und Single Malt

Stell dir ein Glitzern vor, das sich, gefangen in einer ölig-goldenen Flüssigkeit, an die Wände eines Glases legt und in langsamen Schlieren zurückfließt.

Stell dir einen Duft vor, der brutal und kraftvoll nach vorne prescht, bevor liebliche, süße und fruchtige Noten erkennbar werden.

Stell dir einen Geschmack vor, der brennend auf die Zunge fährt, bevor er seine gesamten Facetten nach und nach offenbart.

Und stell dir das Gefühl vor, wie die angenehme Wärme sich langsam die Kehle herunter ausdehnt und dich mit Entspannung und Zufriedenheit erfüllt.

Es gab eine Zeit, in der ich Fan dieses Erlebnisses war. Von diesem Genuss von Whisky. Dem Nuancenreichtum, der Vielschichtigkeit und auch dem Hype um das alkoholische Getränk aus Schottland. Und dass die keltischen Worte, von denen sich der Name ableitet – uisge beatha –, „Wasser des Lebens“ bedeuten, machte das Erleben noch runder.

Beim Wein gibt es für viele Menschen ähnliche Rituale. Vom Dekantieren über das Eingießen bis zur Verkostung sprechen sie verschiedene Sinne an:

  • sehen
  • riechen
  • schmecken

Es ist doch erstaunlich, wie viel Achtsamkeit wir solchen „Genussmitteln“ wie Whisky und Wein entgegenbringen. Wie viel Aufmerksamkeit wir Ihnen schenken. Wie viel Zeit wir in das Drumherum investieren, wenn wir von Tanninen oder Terroir, beziehungsweise auf Whisky bezogen von Malz, Salz und torfigen Landschaften sprechen.

Doch wenn du jetzt glaubst, dass ich hier gerade den ungezügelten Alkoholkonsum glorifiziere, muss ich dich leider enttäuschen. Zwar lebe ich nicht komplett abstinent, allerdings habe ich mich weitgehend vom Alkohol abgewandt. Denn dem Erreichen meiner „inneren Mitte“ steht er tatsächlich entgegen.

Es geht mir um etwas anderes: Unser achtsamer Umgang mit diesen Genussmitteln zeigt, wie fähig wir zu einer achtsamen Wahrnehmung sind, wenn wir nur wollen. Und diese achtsame Wahrnehmung können wir in unseren Alltag übertragen. Allem, was wir zu uns nehmen, können wir dieselbe Achtsamkeit entgegenbringen, wie einem Glas Whisky oder einem Glas Wein.

Das „Rosinen-Experiment“ ist in Achtsamkeitscoachings nahezu legendär. (Falls du es noch nicht kennst, gib den Begriff einmal bei Google ein 😉 ). Ich will es nicht schlecht reden, hier aber auch nicht zu stark in den Fokus rücken. Weil die achtsame Hinwendung zu einer Rosine für viele, die sich grundsätzlich für eine achtsamere Lebensweise interessieren, im ersten Schritt zu weit geht. Tatsächlich ist es auch „nur“ eine Übung, die einen Aha-Effekt auslösen soll, und keine praxistaugliche Strategie für den Alltag.

Mein Gedanke ist ein anderer: Wir sollten uns mehr Zeit nehmen und unseren alltäglichen Mahlzeiten mehr Aufmerksamkeit schenken. So können wir aus jeder unserer Mahlzeiten eine Achtsamkeitsübung machen, die uns stärker in unserem Alltag verankert und uns mehr Genuss, Freude und Zufriedenheit im Hier und Jetzt schenkt.

Hier einige Anregungen, wie du den achtsamen Genuss in deinem Alltag kultivieren kannst (sofern es zeitlich an die Stelle deines Tagesablaufs passt):

  • Nimm dir Zeit – bereits für die Zubereitung deiner Mahlzeit.
  • Betrachte die einzelnen Zutaten, verarbeite sie bewusst. Lass dich dabei nicht ablenken durch Musik oder andere Eindrücke.
  • Nimm die Konsistenzen wahr. Wie fühlen sich die einzelnen Zutaten an, zum Beispiel vor dem Schälen, nach dem Schälen etc.
  • Wie riechen die Zutaten.
  • Gib allen Zutaten beim Kochen die Zeit, die sie benötigen.
  • Führe alle Arbeitsschritte beim Kochen so bewusst wie möglich aus.
  • Gib dir beim Abschmecken besondere Mühe und nimm die einzelnen geschmacklichen Nuancen wahr. Beobachte, wie sich die Aromen während des Garprozesses verändern.
  • Schaue dem Gericht beim Kochen zu. Führe bei Gerichten mit mehreren Komponenten alle Arbeitsschritte bewusst und abgestimmt aufeinander aus. Denke wenig, sondern tu es einfach. Fühle.
  • Gib dir Mühe beim Anrichten. „Das Auge ist mit“ ist ein abgeschmackter Spruch, stimmt aber.
  • Bereite den Tisch schön vor. Zünde eventuell eine Kerze an.
  • Setz dich hin und nimm das Essen auf deinem Teller bewusst wahr.
  • Nimm das Gericht mit allen Sinnen war – vom Sehen und Riechen zum Schmecken. Fühle auch die Konsistenzen.
  • Lass den Geschmack deinen Mund erfüllen und spüre allen Nuancen nach.
  • Iss langsam.

Probier es einfach einmal aus – egal, ob du deinen Toast am Morgen isst, einen Apfel zwischendurch oder eine Hauptmahlzeit – und lass dich auf das Erlebnis ein, ohne es zu einem Dogma oder allzu großen Schauspiel zu machen. Das achtsame Essen soll sich wie ein natürlicher und stimmiger Teil deines Alltags anfühlen und nach und nach zu einer gängigen Praxis werden, nicht zu einem aufgesetzten Ritual.

In diesem Sinne: Guten Appetit.

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